Prolog
Am Abend vor dem Turnier saß ich allein auf der Terrasse. Es war ein schöner Frühlingstag gewesen, die Luft noch nicht so schwer wie im Sommer. Die Vögel sangen voller Freude. Am Horizont kündigte sich ein erstes Gewitter an. Die Abendsonne wärmte angenehm meinen Rücken. Die Hauswand warf die gespeicherte Wärme des Tages zurück. Basilikum, Rosmarin und Marokkanische Minze dufteten zart vom Weg herüber.
Vor mir lagen die Kartons mit den neuen Golfbällen. Ich hatte es mir zur Angewohnheit gemacht, alle Bälle für das nächste Spiel auszuwuchten. Dazu dient ein kleines elektrisches Gerät, das die Bälle in sehr schnelle Rotation versetzt, so dass sie irgendwann ohne Unwucht kreisen. Dann kann man mit einem Filzstift einen Äquatorstrich auf dem rotierenden Ball ziehen, der es ermöglicht, den Ball beim Putten optimal auszurichten.
Neben mir mein Golf-Bag. Wie immer säuberte und kontrollierte ich meine Schläger. Eine Angewohnheit, die vermutlich sinnlos war, da ich das Schlägerset eigentlich nach jeder Runde am Waschplatz im Golfclub säuberte. Aber doch beruhigend.
So waren auch diesmal die Griffe sauber, die Schlägerköpfe ebenfalls. Auch der neue Putter glänzte im Licht der untergehenden Sonne. Ich schärfte noch einmal die Grooves meiner Wedges.
Trotzdem fühlte ich mich unruhig.
Morgen war Turnier. Eigentlich nichts Besonderes.
In den vierundzwanzig Jahren, die ich nun Golf spielte, hatte ich sicherlich mehr als einhundert Turniere gespielt und hunderte Golfrunden.
Und doch war da dieses vertraute Kribbeln. Wie jedes Mal. Diese Mischung aus Vorfreude und Sorge. Als ich noch als Saxophonist auf der Bühne stand, litt ich fürchterlich unter Lampenfieber. Die Emotionen waren mir also vertraut.
Was, wenn ich gut spiele?
Was, wenn ich schlecht spiele?
Was, wenn ich endlich mein Handicap verbessern könnte?
Was, wenn nicht?
Wird der Körper mitspielen?
Was werden die Mitspieler denken?
Ich lehnte mich zurück.
Der Himmel färbte sich langsam rot.
Irgendwo bellte ein Hund. Vögel kreisten in der Luft. Stille breitete sich aus. Der Wind frischte etwas auf, blieb aber angenehm lau an diesem Abend.
Und dann die Frage:
Warum macht ein kleines weißes Stück Kunststoff so viel mit mir?
Ein Golfball hat keine Meinung.
Er urteilt nicht.
Er wertet nicht.
Er kritisiert nicht.
Er lobt nicht.
Er ist.
Und wartet.
Warum also kann ein Ball solche Freude auslösen?
Oder Wut?
Oder Stolz?
Ich wusste keine Antwort.
Deshalb stand ich auf und ging zum Bag.
Vielleicht hilft Aufräumen, dachte ich. Etwas Ablenkung tut gut.
Es hilft schließlich bei vielem.
In einer kleinen Tasche fand ich Tees unterschiedlicher Längen, eine Pitchgabel mit Ballmarker, einige Coins für Trainingsbälle, einen brauchbaren Handschuh und die typischen kurzen Bleistifte für die Scorekarte.
Und einen kleinen gefalteten Zettel.
Ich konnte mich nicht erinnern, ihn jemals gesehen zu haben.
Neugierig öffnete ich ihn. Darauf stand nur ein einziger Satz. In einer Handschrift, die mir seltsam vertraut vorkam.
‚Morgen spielen wir zusammen‘.
FU ZHAO
Ich starrte auf den Zettel. Fu Zhao. Mein buddhistischer Name.
Der Name Fu Zhao war wir während meiner buddhistischen Zuflucht von meinem Lama ‚Fo Fu‘ im Jahr 2002 gegeben worden.
福照 (Fú Zhào) bedeutet etwa „vom Glück erleuchtet“, „Glück strahlt“ oder poetischer „Licht des Segens“, wobei 福 Glück/Segen und 照 leuchten, erhellen meint. Ich habe es für mich immer mit: „Morgenstunde hat Gold im Munde“ übersetzt.
Schon lange hatte ich den Namen nicht mehr gebraucht oder gehört.
Langsam drehte ich das Papier um. Die Rückseite war leer.
Kein Absender.
Keine Erklärung.
Nichts.
Leere.
Nur diese Worte:
Morgen spielen wir zusammen.
In dieser Nacht schlief ich schlecht. Nicht wegen des Turniers. Sondern wegen einer Frage. Wer hatte diesen Zettel geschrieben? Und woher wusste er, dass ich morgen ein Turnier spielen würde?
Erst viel später sollte ich verstehen:
Die eigentliche Frage lautete nicht, wer den Zettel geschrieben hatte.
Die eigentliche Frage lautete:
Wer ist mein Begleiter?
Loch 1 – Erwartungen
Der Geist spielt immer schon den Schlag,
den der Ball noch gar nicht kennt.
Ich liebe diese Early Bird Turniere.
Die Sonne steht noch tief über dem Platz. Das Gras glänzt im Morgentau und die Fahnen bewegen sich kaum. Die ersten Sonnenstrahlen lassen die feuchte Morgenluft glitzern. Der rollende Ball zieht eine Spur auf dem Grün. Die Luft riecht frisch und unbeschwert. Der letzte kühle Hauch der vergangenen Nacht würde bald der Wärme des neuen Tages weichen.
Es hätte ein perfekter Golftag sein können.
Eigentlich war es sogar ein perfekter Golftag.
Ich war früh aufgestanden. Hatte keine Rückenschmerzen und kein steifes Knie.
Die Fahrt zum Platz war reibungslos verlaufen und wie immer war ich genau eine Stunde vor dem ersten Abschlag im Club.
Auf der Driving Range ließ ich mir genügend Zeit. Schlug nur einen kleinen Korb Bälle. Die Eisenschläge flogen gerade. Selbst der Driver fühlte sich leicht an. Dass ich mit 64 Lebensjahren kein Longhitter mehr werden würde, hatte ich akzeptiert.
Auf dem Putting Green war ich mehr als zufrieden. Das Auswuchten der Bälle am Vorabend zeigte Wirkung. Wenn ich den Putt exakt am Äquatorstrich ausrichtete und mit dem Putter square traf, konnte ich das Loch nicht verfehlen. Darauf konnte ich mich verlassen. Nicht perfekt. Aber gut. Richtig gut.
Heute könnte etwas gehen, dachte ich. Vielleicht eine richtig gute Runde. Vielleicht sogar meine beste.
Mit dieser Hoffnung ging ich zum ersten Abschlag.
Dort standen bereits die Spieler mehrerer Flights. Wie immer gab es Zeitverzug. Und wie immer begann sofort dieses seltsame Schauspiel.
Der eine erzählte von seinem neuen Driver.
Der andere berichtete von einer sensationellen 78er Runde in der Vorwoche. Ein dritter erklärte ungefragt, warum sein Handicap eigentlich viel zu hoch sei und nicht seinem wahren Können entspräche.
Alle lachten.
Alle wirkten entspannt.
Alle logen.
Und alle wussten es.
Nicht umsonst lautet eines der bekanntesten Sprichwörter:
Nirgends wird so viel gelogen wie auf dem Golfplatz.
Dieses Schauspiel der Spielerinnen und Spieler an Tee 1 erinnerte mich jedes Mal an den Balztanz der Paradiesvögel.
Doch hinter jedem Lächeln sah ich dieselbe Nervosität.
Nach der Etikette schlug der beste Spieler als Erster ab. Ein perfekter Probeschwung, locker, elegant und selbstsicher. Der Schlag. Der Ball flog wie auf einer unsichtbaren Schiene das Fairway entlang. Murmelndes Anerkennen der Umstehenden. Nice Shot!
Der nächste Spieler.
Noch weiter.
Noch gerader.
Natürlich.
Warum auch nicht?
Plötzlich spürte ich, wie sich etwas in mir veränderte. Vor zehn Minuten hatte ich mich noch großartig gefühlt. Jetzt nicht mehr. Mein Herz schlug schneller. Es war immer ein unangenehmes Gefühl, das Pochen in der Brust körperlich zu spüren.
Der Driver fühlte sich jetzt schwer an.
Der Kopf voller Gedanken:
Jetzt bloß nicht blamieren.
Alle Abschläge vor mir waren weiter als meine übliche Distanz.
Alle schauen zu.
Der erste Abschlag in einem Turnier ist immer etwas Besonderes. Man kann mit ihm zwar nicht das Turnier
gewinnen, sich aber mit einem Fehlschlag große mentale Probleme für die Runde einhandeln.
Der Starter rief meinen Namen. Mein Magen zog sich zusammen. Jetzt war ich an der Reihe. Es gab kein Zurück.
Ich begann meine Preshot-Routine. Ball aufteen. Hinter den Ball treten. Ziellinie fixieren. Ein lockerer Probeschwung. Noch einmal ausrichten. Ein letzter Blick zum Ziel.
Schon während des Wartens war mir der ältere Mann aufgefallen, der etwas abseits neben der Abschlagtafel stand. Ich hatte ihn noch nie gesehen. Und doch kam er mir bekannt vor.
Schlichte einfarbige Kleidung. Sandalen. Graues Haar. Grauer Bart. Freundlicher Blick. Die Hände hinter dem Rücken verschränkt. Aber irgendwie passte er nicht hierher.
Er lächelte. Nicht über mich.
Nicht über die anderen. Einfach nur so.
„Du scheinst beschäftigt“, sagte er zu mir gewandt.
„Noch nicht.“
„Doch.“
„Womit denn?“
„Mit der Zukunft. Mit Schlägen, die du noch gar nicht gemacht hast.“
Ich schaute ihn an.
„Kennen wir uns?“
„Vielleicht.“
„Was ist, wenn ich den Ball ins Aus schlage?“
Der Alte nickte.
„Dann liegt dein Ball im Aus.“
„Nein. Dann blamiere ich mich.“
„Das ist interessant.“
„Was?“
„Vor einer Minute wolltest du Golf spielen. Jetzt möchtest du einen guten Eindruck machen.“
Ich spürte, wie mich seine Worte trafen.
Der Starter wartete.
Die Mitspieler warteten.
Der Ball wartete.
Nur mein Kopf war bereits auf den nächsten fünf Löchern unterwegs.
„Warum bin ich so nervös?“
Der Alte blickte auf den Ball.
„Weil du zwei Runden gleichzeitig spielst.“
„Wie meinst du das?“
Er zeigte auf den Abschlag.
„Eine Runde findet hier statt. Und die andere in deinem Kopf.“
Ich schwieg.
„Welche Runde ist schwieriger?“
Zum ersten Mal musste ich lachen.
„Die in meinem Kopf.“
Der Alte nickte.
„Dann beginne dort.“
„Und wie?“
„Indem du nur diesen einen Schlag spielst. Nur diesen.“
„Nicht den zweiten?“
„Auch nicht den dritten. Nicht die Siegerehrung.“
„Nicht mein Handicap?“
„Nicht dein Handicap.“
„Nur diesen einen Schlag.“
Ich richtete den Driver erneut aus. Um das Aus auf der rechten Seite zu vermeiden wollte ich einen Draw spielen.
Atmete tief ein.
Atmete langsam aus.
Versuchte zu lächeln.
Für einen kurzen Moment wurde es still.
Dann schwang ich. Der Ball flog. Nicht perfekt. Nicht sensationell. Aber Mitte Fairway. Ich war im Spiel. Nur das zählte.
Als ich mich umdrehte, war der alte Mann verschwunden. Oder stand er noch immer dort? Im Gegenlicht der tiefstehenden Morgensonne war ich mir nicht sicher. Auf jeden Fall konnte ich seine Stimme hören.
„Der erste Gegner auf jedem Golfplatz ist niemals der Platz.“
Kurze Pause.
„Es ist die Geschichte, die du dir über den nächsten Schlag erzählst.“